Artikel aus Das Zeichen, Zeitschrift für sprache und Kultur Gehörloser. Nr. 48, Dezember 1998
(http://www.sign-lang.uni-hamburg.de/signum/zeichen/)

K U L T U R


"Hör auf!!!"
Ein ganz spezielles Training für gehörlose und schwerhörige Frauen - Selbstbehauptung und Selbstverteidigung

VON NICOLE ANDREA LOHE

Gerade weil du die Worte nicht hören kannst, gerade weil du gehörlos bist, kannst du eigentlich viel mehr verstehen. Benutze deine Intuition, deine Augen und dann weißt du ganz genau, was der Typ meint oder nicht, egal welche Worte er benutzt.


Malousch Köhler ist Selbstverteidigungstrainerin,wohnt in Amsterdam und reist durch die Niederlande und durch Deutschland,um Selbstverteidigungskurse für gehörlose Mädchen und Frauen anzubieten. Seit 1988 lernt sie Gebärdensprache und hat ein spezielles Konzept für das Training mit Gehörlosen entwickelt. Sie beherrscht fließend die Holländische Gebärdensprache und da sie ursprünglich in Deutschland aufgewachsen ist, spricht sie Deutsch und kann sich auch schnell in die Deutsche Gebärdensprache hineinfinden.
Malousch Köhler gibt bereits seit 1984 Selbstverteidigungskurse, seit 1990 auch für gehörlose und taub-blinde Mädchen und Frauen. Sie benutzt eine Kombination von effektiven Selbstverteidigungstechniken und mentalen Selbstbehauptungsstrategien.

Selbstbehauptung: dieser Teil des Trainings beinhaltet ein schnelles Erkennen von möglichen gefährlichen Situationen und verschiedene Strategien, um darauf zu reagieren.Gearbeitet wird mit Körpersprache, selbstsicherer Haltung, Augenkontakt und Stimme; Situationen werden in Rollenspielen geübt.

Selbstverteidigung: dieser Teil hat zum Ziel, den Mädchen einfache, aber effektive Techniken beizubrin-gen, mit denen sie sich in Notfällen verteidigen können. Durch spezielle Übungen lernen sie ihre Kräfte und Möglichkeiten kennen und bekommen dadurch mehr Selbstbewußtsein.

In Amsterdam ist Malousch Trainerin in "Feministischer Selbstverteidigung ", welche in Holland seit 1987 eine staatlich anerkannte Ausbildung ist. Sie selbst hat Kampfsporterfahrungen in Jiu Jitsu (6 Jahre,Berlin) und Karate (12 Jahre, Amsterdam). Durch verschiedene TrainerInnen-Ausbildungen und Weiterbildungen wurde sie geschult und hat sich spezialisiert. Ein spezielles Training ist z.B."Umgehen mit Aggressionen am Arbeitsplatz".

An den Berliner Gehörlosenschulen hat Malousch Köhler im Juli und im November 1998 Kurse gegeben. Bei dem Selbstbehauptungs- und Selbstverteidigungstraining für Mädchen an der Ernst-Adolf-Eschke-Schule habe ich teilgenommen und Malousch assistiert. Außerdem habe ich sie allgemein zu ihrer Arbeit mit Gehör-losen und ihren Kursen interviewt.
Das Training an der Schule (je Altersgruppe zwei Tage)- "der ganz außergewöhnliche Unterricht " - war für die Schülerinnen eine neue Erfahrung. Mit viel Begeisterung und Konzentration folgten sie den Erklärun-gen und Ausführungen der Trainerin. Die Mädchen sind mit ihrer eigenen Ausstrahlung und Kraft konfrontiert worden,konnten ihre eigene Stimme auf ganz andere Weise kennenlernen und haben plötzlich gespürt, wie stark sie sind und was für Möglichkeiten sie haben.
Beeindruckend war,wie Malousch mit Gebärden, Mimik und Körper vorlebt, was sie von den Schülerinnen sehen möchte.Immer wieder ermutigte sie alle, sich selbst auszuprobieren.
Im Raum war es keinesfalls leise: "Bei den Techniken nicht vergessen: Tief durch die Nase einatmen zum Bauch hin,ausatmen und schreien, das hilft!" Immer und immer wieder durften auf Schlagkissen die Schläge und Tritte geübt werden, das kann ganz schön müde machen,setzt aber auch viel Energie frei! Endlich kann die Wut mal raus!
"Hör auf!!!" Deutlich machen mit Körper, Augen und Stimme, daß jemand aufhören soll, wurde geübt. "Wobei habt ihr ein gutes Gefühl? Wann wird euch Nähe unangenehm? Was macht ihr,wenn euch jemand im Bus belästigt?" Dieser Teil, zu sehen wie gefährlich Situationen sein können und wie die Mädchen reagieren können, ist ein Schwerpunkt des Trainings.

In Deutschland hat Malouch Köhler zuerst am Landesbildungszentrum für Hörgeschädigte (LBZH) in Oldenburg Kurse für gehörlose und schwerhörige Mädchen gegeben und ist über den Kontakt zweier Lehrerinnen an die Berliner Gehörlosenschule gekommen. Kontakt zu verschiedenen Gehörlosenschulen hat sie seit 1997.
Besonders erwähnenswert ist die Zusammenarbeit mit dem Instituut voor Doven in Sint-Michielsgestel. Dort wurde ein Programm erstellt, in welchem das Selbstverteidigungstraining sehr gut eingebettet ist. Am Anfang ging es drei Monate um Selbstbehauptung (z.B."Was willst du, was nicht?"; Rollenspiele, in denen es u.a.um das Thema Sexualität ging), dann gab es einen dreimonatigen Selbstverteidigungskurs (viel mit mentalen Techniken aber auch Selbstverteidigungsgriffen).
In der Woche zwischen dem Training wurde das Gelernte mit den Lehrerinnen wiederholt, nach Beendigung des Kurses gab es eine Nachbereitung, in der es um soziales Lernen und soziale Kompetenz im Positiven ging (z.B."Wie nehme ich Kontakt zu Leuten auf?").
An der Ausarbeitung eines schriftlich fixierten Konzeptes wird weiter gearbeitet, um es dann auch an andere Schulen weitergeben zu können.


Im weiteren folgen Auszüge aus dem Interview mit Malousch Köhler:

Hast Du das Gefühl, daß Deine Projekte /Angebote an Schulen ernst genommen werden?

Ja, das Thema wird sehr ernst genommen, auch von den Direktoren der Schule. Im allgemeinen bekomme ich sehr positive Reaktionen. Es ist oft so, daß eine Lehrerin die aktive Kraft ist, die die Sache antreibt und organisiert; so war es auch an der Ernst-Adolf-Eschke-Schule. Der Kontakt besteht jetzt, dieser Kurs war ein guter Ansatz und wir werden weiter besprechen, was in Zukunft möglich ist.

Wäre es sinnvoll, auch Kurse für Jungen anzubieten?

In Holland läuft das schon.Dort gibt es bestimmte Selbstverteidigungskurse für Jungen, in denen nicht so sehr die effektiven Techniken beigebracht werden, um sich zu verteidigen,sondern es geht mehr um Themen wie z.B.: Wie gehst du mit den Grenzen von anderen um? Wie ist es für die Person, wenn du diese Grenze überschreitest? Wie kannst du dich verhalten,wenn du geärgert wirst?

Glaubst Du, Dein Selbstverteidigungstraining fördert bei den Mädchen die Fähigkeit, Konflikte sinnvoll zu bewältigen? Es gibt ja die Meinung, daß Kampfsport oder auch Selbstverteidigung aggressiv macht und ein bewußtes Einüben gewalttätiger Techniken beinhaltet!

In den Schulen besteht bspw. die Angst, daß die Mädchen das Gelernte gleich auf dem Schulhof anwenden. Oder die Eltern haben Bedenken, daß ihre Kinder aufmüpfiger werden und sich mehr schlagen.
Meine Erfahrung ist, daß es den Mädchen ziemlich gut tut,ihre Wut einmal gerichtet loszuwerden, daß sie auf Schlagkissen boxen dürfen, ihre volle Kraft benutzen können und das nicht aneinander machen müssen.
Jedoch mache ich in allen Kursen klar, daß die Verteidigung nur für gefährliche Situationen ist und nicht für den Schulhof oder aus Spaß. Es wird viel mit Körpersprache, Augenkontakt und Stimme gearbeitet, sie werden aufgefordert "nein " zu sagen, "hör auf!" Solche Taktiken sollen sie z.B.benutzen, wenn sie durch andere geärgert werden.
Ich sehe schon, daß viele Schülerinnen die Neigung haben, einander zu schubsen. Durch das Training erfahren sie, wieviel Aggressionen es hervorruft, wenn sie sich so verhalten. Je jünger sie sind, desto extremer reagieren sie oft. Beim Rollenspiel kommt es mit der Zeit z.B.zu Überreaktionen. Die Mädchen sollen sich z.B.nur abgrenzen und "hör auf!" sagen, schreien die Person, die sich nur neben sie setzen möchte, jedoch lautstark an. In solchen Situationen wird dann besprochen, wann es angebracht ist, so zu reagieren und wann nicht.
Hier besteht ein Unterschied zwischen Kindern und Erwachsenen. Bei Frauen habe ich nicht die Angst, daß sie sich schlagen würden oder übertreiben. Frauen haben eher das Gefühl, sie können etwas nicht, bekommen etwas nicht hin. Sie haben oft sehr große Ängste aufgrund ihrer Erfahrungen. Bei dem Training erfahren sie, welche Kräfte in ihnen stecken und was sie erreichen können. Und zwar nicht nur mit Körperkraft, sondern auch mit Willenskraft.

Gibt es einen Unterschied zwischen hörenden,schwerhörigen und gehörlosen Frauen in Deinen Kursen?

Ja, es gibt einen großen Unterschied. Hörende haben z.B. auch manchmal Angst zu schreien, aber Gehör-lose hören ihre Stimme normalerweise nicht, von daher haben sie eine andere Hemmschwelle zu schreien und schreien zu lernen. Zum anderen hören Gehörlose die ganze Anmache nicht, Schwerhörige bekommen vielleicht einen Bruchteil mit, was sie sehr beängstigt. Ich denke, daß sie wegen dieser Unsicherheit nicht genau hinschauen, obwohl ich der Meinung bin, daß sie dabei einen Vorteil hätten. Ich sage ihnen: "Gerade weil du die Worte nicht hören kannst, gerade weil du gehörlos bist, kannst du eigentlich viel mehr verste- hen. Benutze deine Intuition, deine Augen und dann weißt du ganz genau, was der Typ meint oder nicht, egal welche Worte er benutzt.
Gehörlose und auch Schwerhörige könnten Situationen manchmal besser einschätzen als Hörende, weil sie viel besser sehen, was Mimik und Körpersprache wirklich ausstrahlen. Meine Erfahrung zeigt, daß Hörende sich oft ablenken lassen von den Worten, die sie verstehen, wodurch sie nicht mehr gut beobachten und ihrem Gefühl nicht mehr trauen.

Was lernen die Frauen und Mädchen dabei von sich selbst kennen?

Was ich in den letzten Jahren gesehen habe, ist, daß Frauen erfahren und entdecken, daß sie schreien können, das öffnet ihnen die Augen für die Kraft, die in ihnen steckt. Ich habe erlebt, daß Frauen zum erstenmal ihre eigene Stimme gehört haben in dem Kurs und daß sie das total begeistert und fasziniert hat. Ich denke, daß viele Gehörlose sehr beschützt aufwachsen und dadurch oft nicht erkennen, welche Kraft sie haben, um selbst Situationen zu meistern. Sie lernen sehr wenig, ihre Grenzen zu setzen und wirklich zu sagen, was sie nicht wollen. Ich sehe, daß sie nach solch einem Training viel mehr Selbstvertrauen haben, Situationen auch selbst auflösen zu können.
Was ich auch auffällig finde ist, daß gehörlose Schülerinnen es beinahe als selbstverständlich hinnehmen, daß mit ihnen zu Hause niemand wirklich redet. In Rollenspielen kann dann thematisiert werden, wie sie in der Familie sitzen und niemand mit ihnen in Gebärdensprache kommuniziert und wie sie sagen können, daß sie am Gespräch beteiligt werden möchten und möchten, daß gebärdet wird. Besonders die jüngeren Schülerinnen sind dann ganz erstaunt, daß sie das fordern könnten.

Arbeitest du viel mit erwachsenen Gehörlosen zusammen? Haben sie die Möglichkeit zur Aus- und Weiterbildung?

Das ist ein Traum von mir. Ich gebe in Deutschland seit drei Jahren Training, es hat angefangen bei der Gruppe "Die Hexenhände " in Bremen und davon haben jetzt schon zwei Frauen ein weiteres Wochenende bei mir trainiert. Eine der beiden hat mir bei meinem letzten Training am Landesbildungszentrum in Oldenburg assistiert. Das war aufregend und schön, weil die Mädchen viel einfacher mit einer gehörlosen Erwachsenen in ihrer eigenen Sprache kommunizieren konnten. Auch bei dem letzten Training für Frauen in Oldenburg hat mir wieder eine gehörlose Frau assistiert.
Die Atmosphäre war sehr schnell ganz offen, dadurch, daß sie ihre eigenen Erfahrungen mit eingebracht hat. Es hat sich auch gezeigt, daß viel einfacher akzeptiert wird, wenn eine gehörlose Frau erzählt, wie wichtig z.B. Schreien ist.

Gibt es viel Konkurrenz - der Bereich ist ja relativ eng gesteckt?

Bis jetzt gibt es noch wenige Trainerinnen, die sich mit Gehörlosen auseinandergesetzt haben. Es gibt einige Frauen, die wenig Erfahrungen mit der Zielgruppe haben, aber mit DGS-Dolmetscherinnen Training geben. Das wird nicht immer sehr positiv aufgenommen. Ich bin in Deutschland dabei, Trainerinnen weiterzubilden und habe dann die Hoffnung, daß diese anfangen, Gebärdensprache zu lernen und sich mit der Gruppe zu beschäftigen. Nur eine Weiterbildung zu diesem Thema ist natürlich nicht ausreichend.
Im Raum Bremen gibt es zwei Trainerinnen, die selbst auch gebärden können und Aufbaukurse anbieten, so daß Mädchen und Frauen nach meinem Training dort weiter trainieren können. In Holland gibt es derzeit nur uns beide, die solche Kurse anbieten.

Möchtest Du noch etwas zu Deinem Trainingsangebot und zu weiteren Kursen sagen?

Allgemein finde ich es wichtig,daß Gehörlose selbst sowie Schulen und Gehörlosenverbände erfahren, daß es dieses Angebot von mir gibt. Daß es ein Training gibt, das sich ganz speziell an den Bedürfnissen der Zielgruppe orientiert. Ich würde mich freuen, wenn weitere Schulen oder Verbände Kontakt zu mir aufnehmen würden.

Vielen Dank für das Interview!

Verfasserin: Nicole Andrea Lohe
Studentin, Lehramt an Sonderschulen, Schwerpunkt Gehörlosenpädagogik

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