"Ich habe das erste Mal geschrien"
So fühlen sie sich sicherer: Gehörlose Frauen lernten in Altenbrücken Selbstverteidigung

Die Harke - Nienburger Zeitung 15. Mai 2001

Altenbücken (krg). Eine Angriffssituation auf der Straße, im Bus oder zu Hause ist bedrohlich für hörende und gehörlose Frauen. Aber speziell gehörlose Frauen empfinden es als besonders bedrohlich. Sie hören schließlich nicht, wenn jemand von hinten auf sie zu kommt. Zudem verstehen sie die Worte des Gegners nicht.
Um sich im Alltag sicherer zu fühlen, kamen am vergangenen Wochenende elf gehörlose Frauen aus ganz Deutschland nach Altenbücken. In einem viertägigen Seminar im Frauenbildungshaus gab die Wahl-Holländerin Malousch Köhler, Trainerin für Selbstbehauptung und Selbstverteidigung, ihr Wissen an die Frauen weiter.
Lernen Situationen rechtzeitig und richtig einzuschätzen war eines der Ziele für die sieben gehörlosen und vier schwerhörigen Frauen. Im Gegensatz zu anderen Kursen ist dieser genau auf die Bedürfnisse gehörloser Frauen zugeschnitten. Ein Gebärden-Dolmetscher allein reiche nicht.
"Ich habe schon einmal einen Selbstverteidigungskursus gemacht, den ein Polizist geleitet hat", sagt Maria. "Aber er hatte mit Gehörlosen kaum Erfahrung und begriff nicht, dass wir bestimmte Situationen - wie einen Angriff von hinten - anders empfinden." Das Seminar in Altenbücken sei erheblich besser, stellt sie zufrieden fest.
"Ich habe das erste mal in meinem Leben geschrien", sagt Britta noch ganz erstaunt. Gebärden-Dolmetscherin Karin Wünsche übersetzt. Maria schließt sich an, sie habe bis zum Seminar nie daran gedacht zu schreien. Als Kind habe man ihr beigebracht still zu sein. "Ich merke wie ich mich hier öffne."
"Mir sind viele Fehler am eigenen Verhalten aufgefallen", beschreibt Maria erste Erfolge des Seminars. Man erkenne und erweitere sich, stimmen auch die anderen zu. Außerdem lerne man Grenzen zu setzen und sich nicht immer zu ducken. Maria erinnert sich an eine Alltagssituation vor einigen Tagen. Kritisch sagt sie: "Ich hätte mich durchsetzen sollen".
"Wenn ich mich stark zeige, kann mich die Umwelt auch als gleichwertig akzeptieren", stellt Britta fest. Das Selbstbewusstsein sei eigentlich schon da, aber man müsse es rausholen, sagt die Trainerin. Unsicherheit versucht Malousch Köhler daher durch gezielte Übungen mit Körpersprache und Mimik - aber auch das laute Schreien - zu besiegen
Überdies könnten Gehörlose bestimmte Situationen viel schneller einschätzen als Hörende. Sie ließen sich nicht von Worten ablenken und konzentrierten sich auf die Körpersprache des anderen. Zu reagieren bevor es eskaliert, lernten die 18- bis 75-jährigen Teilnehmerinnen daher auch. Für den Ernstfall kennen sie nun einige wichtige Techniken um sich zu verteidigen.
Aber dies sei nicht der wichtigste Grund gewesen das Seminar in Altenbücken zu besuchen. "Man kann sich mit anderen austauschen und erfährt welche Erfahrungen sie gemacht haben", erläutert Chris, die bereits zum vierten mal dabei ist.
"Viele der Frauen im Seminar sind außerdem zu Hause sehr aktiv und haben daher viel Kontakt mit anderen Gehörlosen", wirft die Trainerin ein. An diese könnten sie ihr Wissen weitervermitteln.
Auch Malousch Köhler setzt sich nach wie vor besonders dafür ein, dass in Deutschland und Holland mehr gehörlose Frauen von speziellen Selbstbehauptungs- und Selbstverteidigungskurse profitieren können. Im Herbst findet in Altenbücken beispielweise ein Seminar für Fortgeschrittene statt.


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